Wir sind heute, an diesem 9. November hier, um zu gedenken.
Wir gedenken heute den schrecklichen Ereignissen der Nacht vor 87 Jahren.
Wir gedenken all derer, all den unschuldigen Erwachsenen und Kindern, die Opfer dieser Nacht geworden sind.
Wir gedenken all unseren ehemaligen jüdischen Mitbürger:innen.
In dieser Nacht vom 9. auf den 10. November forderte der deutsche Nationalsozialismus hunderte Menschenleben und vernichtete tausende Kulturstätten und Existenzen. Angestiftet von der Regierung wurde im ganzen damaligen „Deutschen Reich“ zerstört, geraubt, gebrandschatzt und gemordet. Juden:Jüdinnen wurden auf die Straße getrieben, geschändet und gedemütigt.
Diese Nacht, so wissen wir heute, markierte einen Umschwung: Aus Entrechtung wurde Vertreibung, aus Unterdrückung Vernichtung.
Traurigerweise müssen wir feststellen, dass damals viele Leute, wenn sie sich nicht beteiligt, einfach weggeschaut haben, sich von den Bildern des Terrors abgewandt, und die Angriffe auf die Menschen ignoriert haben. In den folgenden Wochen und Monaten sollten Millionen Menschen deportiert und weggesperrt werden. Darunter neben Juden:Jüdinnen auch Sint*izze und Rom*nja, Homosexuelle und queere, behinderte, als „asozial“ gebrandmarkte und widerständige Menschen.
Wir sind heute hier in Charlottenburg, weil wir uns weigern, diese Ereignisse, diese Menschen und ihre Geschichte zu vergessen. Der Bezirk war ein Zentrum jüdischen Lebens in Berlin. Wir besuchen Orte, an denen der faschistische Terror Synagogen zerstört hat, um dort Blumen, Kerzen und Steine niederzulegen. Unsere Route führt uns entlang der Stolpersteine, Gedenktafeln für Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden; die Steine sind meist vor ihrem letzten frei gewählten Wohnort angebracht.
Das Erinnern der schrecklichen Verfolgung und Ermordung dieser Menschen bedeutet für uns auch, heute nicht wegzuschauen. Wir leben in einem Heute, in dem der Faschismus nicht nur an der Tür klopft, sondern zu uns in dem Raum gekommen ist.
Bei den Bundestagswahlen dieses Jahr haben wir gesehen, wie die Afd 20 Prozent der Wählerschaft für sich gewinnen konnte, was von den Ergebnissen einiger Landtagswahlen sogar noch übertroffen wurde. Eine Partei, in der eine leitende Figur wie Björn Höcke frei das Holocaust-Mahnmal in Berlin als “Denkmal der Schande” bezeichnet. Eine Partei, die kein Geheimnis daraus macht, dass sie Menschen auf rassistischer Basis massenhaft remigrieren” möchte. Währenddessen steigen antisemitische, rassistische und queerfeindliche Vorfälle an. Von Schmierereien an Hauswänden bis hin zu körperlichen Angriffen.
Neben der AfD gibt es offen gewaltbereite Neonazis, wie den dritten Weg, die vor allem in östlichen Teilen Berlins, wie Marzahn-Hellersdorf, auch vermehrt junge Menschen mit ihrer Propaganda ansprechen. Auch in Charlottenburg lassen sich Aktivitäten feststellen. In unmittelbarer Nähe in der Fasanenstraße befindet sich außerdem die „Bibliothek des Konservatismus“, die ein wichtiger Treffpunkt für die „intellektuelle“ neue Rechte, darunter regelmäßig auch Politiker der Afd ist.
Doch wir können uns nicht die Straßen von Rechten nehmen lassen. Dieses Jahr war gezeichnet durch rechte Aufmärsche- aber auch deren erfolgreiche Blockaden. Im März hatte die rechte ‚Allianz für Deutschland‘ zu einer Demo durch Friedrichshain aufgerufen- kam aber innerhalb mehrerer Stunden nur einige hundert Meter weit, weil Antifaschist*innen sich in den Weg gestellt oder gesetzt haben. Aber das muss mehr werden. Denn besagte Neonazi-Demonstranten scheuten sich nicht, das „White Power- Zeichen“, Hitlergrüße, oder Reichsflaggen in die Luft zu strecken.
Faschismus ist als gesamtgesellschaftliche Ideologie und Struktur kein Phänomen, dass sich nur in einigen Köpfen manifestiert. Der „Rechtsruck“, offener Rassismus und Menschenverachtung werden von der Afd angetrieben, aber politisch zunehmend toleriert und umgesetzt werden sie auch von den regierenden Parteien. 80 Jahre nach der Befreiung wird in ganz Europa das Asyl, ein Menschenrecht als Lehre aus Krieg und Genozid wieder faktisch abgeschafft. In den USA sehen wir aktuell, wie die Deportationspläne der Afd Realität werden könnten. Dies würde nur den Höhepunkt einer Politik darstellen, die nach immer mehr Abschiebungen ruft. Dafür wird die nötige Infrastruktur in Form von speziellen Gefängnissen und Haftlagern aufgebaut, in denen ganze Familien für das einzige „Verbrechen“ eingesperrt werden sollen, ihr Menschenrecht auf freie Bewegung, auf Flucht vor Not, Krieg und Verfolgung wahrzunehmen. Damit steht der Endpunkt unseres Spaziergangs heute stark in Verbindung: Wir möchten uns an seinem Mahnmal auch an Cemal Kemal Altun erinnern, der 1983 im Oberverwaltungsgericht Berlin in der Hardenbergstraße 31 Suizid begang, um der Abschiebung in Folter und Tod zu entgehen. Das war u.a. ein Anlass für die Einrichtung des Kirchenasyls, und das zu einer Zeit noch vor den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und der ersten Aushebelung des Asylrechts in den 90gern.
Erinnern heißt für uns kämpfen, das hat uns spätestens die antifaschistische Bewegung der Hinterbliebenen des Anschlags in Hanau gezeigt.
Auch Orte der Erinnerungskultur mussten erkämpft werden, und sind nicht selbstverständlich. Um zwei Beispiele aus Berlin zu nennen: Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas wird aktuell durch den Bau der S-Bahn Linie 21 bedroht. Vor wenigen Wochen wurde die Friedensstatue in Moabit, ein
Denkmal für die Mädchen und Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Armee verschleppt und sexuell versklavt wurden, vom Bezirksamt entfernt.
Wir stehen heute hier, weil wir aus der Geschichte lernen möchten.
Wir stehen heute hier, in Solidarität mit allen von Faschismus in all seinen Formen, Antisemitismus, Rassismus und Sexismus betroffenen Menschen.
Wir stehen heute hier, in Solidarität mit den in der Reichspogromnacht verfolgten und ermordeten und deportierten Juden:Jüdinnen und erinnern uns, an die vielfache Zerstörung von Synagogen, Geschäften, Wohnungen und jüdischen Friedhöfen.
Wir erinnern uns heute, was der Faschismus angerichtet hat und trauern um alle Menschen, die der Faschismus uns genommen hat.
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